Was Menschen verbindet: Neue Mars-Studie untersucht die Bedeutung Dritter Orte
Evaluation am FLUX in München untersucht, wie Orte Gelegenheiten für soziale Verbundenheit und Zugehörigkeit schaffen können – auch dadurch, dass Menschen allein unter anderen sein können.
- Die Studie ergänzt eine wachsende wissenschaftliche Evidenzbasis, die den Blick nicht allein auf Veränderungen beim Individuum richtet, sondern auch darauf, öffentliche Räume neu zu denken und als soziale Orte zu stärken.
- Eine neue Mars-Studie in Zusammenarbeit mit der University of Manchester und FLUX zeigt, dass soziale Verbundenheit nicht immer aktive Interaktion erfordert. Sie deutet auf einen Perspektivwechsel hin: Einsamkeit wird nicht mehr vorrangig als individuelles Problem betrachtet; auch das Umfeld und die soziale Infrastruktur werden als wichtige Voraussetzungen für Zugehörigkeit erkannt.
- Die qualitative Forschung von FLUX in München zeigt, dass Menschen es schätzen, allein unter anderen sein zu können und selbst zu entscheiden, ob und wie sie mit anderen in Kontakt treten.
Was macht einen Ort zu einem Raum, an dem Menschen sich willkommen, verbunden und zugehörig fühlen? Und braucht Verbundenheit immer ein Gespräch oder aktive Interaktion?
Die Suche nach Antworten auf diese Fragen wird zunehmend relevanter, denn die Forschung unterstreicht, welche Bedeutung unser Umfeld für das soziale Wohlbefinden hat. Lange konzentrierten sich die Einsamkeitsforschung und Maßnahmen gegen Einsamkeit vor allem auf den Einzelnen – etwa auf soziale und emotionale Kompetenzen, soziale Netzwerke oder psychologische Interventionen.1 Heute wächst in Wissenschaft und Öffentlichkeit zugleich das Interesse an einer anderen Frage: Welche Rolle spielen gemeinsam genutzte Orte, an denen sich unser soziales Leben entfaltet, für unser Gefühl der Verbundenheit?
Diesen Fragen widmet sich auch die neue Mars-Studie zu Verbundenheit und Zugehörigkeit, die von der University of Manchester in Zusammenarbeit mit FLUX durchgeführt wurde.2 FLUX ist ein Gemeinschaftsprojekt der vier Museen der Pinakothek der Moderne und der Stiftung Pinakothek der Moderne. Der von der britischen Künstlerin Morag Myerscough gestaltete „Dritte Ort“ befindet sich im Wintergarten und an der Südseite der Pinakothek der Moderne und ist seit Sommer 2025 geöffnet. Das Programm ist kostenfrei und unabhängig von den Öffnungszeiten des Museums zugänglich.
Die Studie untersucht, wie Menschen FLUX erleben und welche Erkenntnisse sich daraus über die Bedingungen gewinnen lassen, die unterschiedliche Formen sozialer Verbundenheit und Zugehörigkeit unterstützen können.
Vom Individuum zu den Orten, die uns umgeben
Die Ergebnisse fügen sich in eine breitere Entwicklung der Einsamkeitsforschung ein: Neben dem Verständnis und der Unterstützung des Einzelnen rücken zunehmend auch Orte und soziale Infrastruktur in den Fokus, die im Alltag Möglichkeiten für Verbundenheit schaffen können.
Bereits eine frühere internationale Studie zu Einsamkeit, die von Mars, Incorporated gemeinsam mit der University of Manchester durchgeführt wurde, lieferte Hinweise darauf, dass der Zugang zu geeigneten Orten ein Bestandteil des komplexen Zusammenhangs zwischen Einsamkeit und sozialer Verbundenheit ist.3 Damit erweitert sich die Perspektive: Statt ausschließlich zu fragen, was Menschen individuell anders machen können, geht es auch darum, wie unser Umfeld unterschiedliche Möglichkeiten für Verbindung und Zugehörigkeit eröffnen kann.
Nach Einschätzung des Forschungsteams der University of Manchester wurde die weitreichende Bedeutung unserer räumlichen Umgebung in bisherigen Ansätzen gegen Einsamkeit häufig unterschätzt. Die Evaluation von FLUX verdeutlicht, dass ein stärkerer Blick auf Orte des alltäglichen sozialen Lebens helfen kann zu verstehen, wie Umgebungen gestaltet sein sollten, damit Menschen auf unterschiedliche Weise in Kontakt treten, teilnehmen oder einfach gemeinsam einen Raum nutzen können.
FLUX: Zugehörigkeit ohne Verpflichtung zur Interaktion
Eines der deutlichsten Ergebnisse der Evaluation ist die Bedeutung von Selbstbestimmung. Die Teilnehmenden nutzten FLUX auf ganz unterschiedliche Weise: um Freundinnen und Freunde zu treffen, zu arbeiten, Mittag zu essen, Zeit mit Kindern zu verbringen, an den stets kostenfreien kulturellen oder anderen Angeboten teilzunehmen – oder einfach nur dazusitzen und das Geschehen zu beobachten. Besonders schätzten sie, dass sie sich dort aufhalten können, ohne etwas kaufen, einen Platz reservieren oder an einer Aktivität teilnehmen zu müssen.2
Die Teilnehmenden beschrieben FLUX zudem als einen offenen und zugleich geschützten Ort, an dem man einfach sein kann: leicht zugänglich und einladend, zugleich aber angenehm abgeschirmt. Kleinere Bereiche und unterschiedliche Sitzmöglichkeiten erlaubten es ihnen, selbst zu entscheiden, wo und wie sie ihre Zeit verbringen wollten – näher bei anderen oder eher zurückgezogen.2
Gleichzeitig zeigte sich, dass Verbundenheit nicht immer direkte Interaktion erfordert. Menschen beschrieben, dass sie sich auch dann bei FLUX wohlfühlten, wenn sie allein kamen, die Anwesenheit anderer genossen und wussten, dass Kontakt möglich wäre, ohne erwartet zu werden. Die Forschenden beschreiben dieses sich abzeichnende Konzept als „gemeinsam Alleinsein“: soziale Präsenz, gemeinsam genutzter Raum und Zugehörigkeit ohne Druck oder Verpflichtung zur Interaktion.2 Die qualitativen Daten zeigen dabei deutlich ein ausgeprägtes Gefühl von Zugehörigkeit und Akzeptanz sowie wahrgenommene Möglichkeiten sozialer Begegnung.
Wo Begegnungen entstanden, geschah dies häufig beiläufig und spontan statt organisiert. Aktivitäten, gemeinsam genutzte Bereiche und die Umgebung selbst boten natürliche Gesprächsanlässe, ohne dass der Austausch mit anderen der eigentliche Zweck des Aufenthalts sein musste. Zugleich konnten ganz unterschiedliche Menschen den Ort nebeneinander nutzen – Familien, Menschen beim Arbeiten, Freundesgruppen oder Einzelpersonen –, ohne aus demselben Grund dort zu sein.2
Gesamtheitlich weisen diese Ergebnisse auf ein anderes Verständnis sozialer Orte hin: Es geht nicht darum, Interaktion gezielt herzustellen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen unterschiedliche Formen von Verbindungen entstehen können.
„Die Erkenntnisse aus dem FLUX zeigen zusammen mit anderen aktuellen Forschungsarbeiten zu Umgebungen, die Einsamkeit entgegenwirken können, dass sozial unterstützende Orte mehr leisten, als Menschen zusammenzubringen. Sie geben ihnen die Wahl, wie sie mit anderen in Kontakt treten“, erklärt Prof. Pamela Qualter, Professorin für Pädagogische Psychologie an der University of Manchester. „Gute Orte ermöglichen es uns, allein zu sein, allein unter anderen zu sein, zu beobachten, teilzunehmen, zu interagieren, uns zurückzuziehen und mit der Zeit Vertrautheit und Zugehörigkeit zu entwickeln. Die Aufgabe von Gestalter*innen besteht deshalb nicht einfach darin, Räume zu schaffen, die Menschen zum sozialen Austausch bewegen, sondern einladende, zugängliche, sichere und flexible Umgebungen, in denen unterschiedliche Formen sozialer Präsenz und Verbindung möglich sind.“
Was Orte für Verbundenheit brauchen
Die Erfahrungen bei FLUX stimmen in wesentlichen Punkten mit aktueller Forschung zu Umgebungen überein, die soziale Verbundenheit unterstützen können.4 Zusammengenommen lassen sich daraus praktische Prinzipien für soziale Orte ableiten:
- Schaffung von Orten, an denen Menschen „einfach sein“ können, ohne konsumieren, Geld ausgeben oder an organisierten Angeboten teilnehmen zu müssen. Gerade diese geringen sozialen und finanziellen Anforderungen wurden bei FLUX besonders geschätzt.2
- Förderung von Offenheit ohne das Gefühl des Bloßstellens. Geschützte Bereiche, Begrünung und unterschiedliche Sitzmöglichkeiten können Menschen dabei helfen, selbst zu bestimmen, wie sichtbar und wie stark sie sozial eingebunden sein möchten.2
- Ermöglichung von Wahlfreiheit beim sozialen Austausch. Menschen sollten jederzeit selbst über die Intensität ihrer sozialen Beteiligung entscheiden können – vom Beobachten und Beisammensein über spontane Begegnungen bis hin zu aktiver Teilnahme und Gesprächen.2;4
- Begegnungen ermöglichen, ohne sie zu erzwingen, durchgemeinsame Aktivitäten und eine einladende räumliche Gestaltung wie z.B. gemeinsam genutzte Bereiche, Sitzgelegenheiten und Laufwege.2;4
- Schaffung von Raum für unterschiedliche Menschen und Nutzungsweisen, die selbstverständlich nebeneinander bestehen können. Die FLUX-Ergebnisse legen nahe, dass dieses Nebeneinander selbst sozial bedeutsam sein kann, auch wenn daraus keine dauerhaften Interaktionen zwischen unterschiedlichen Gruppen entstehen.2
- Bereitstellung von Möglichkeiten zur Erholung, Ruhe und zum Rückzug ebenso wie für aktive Begegnung. Orte können eine Auszeit von den Anforderungen der Stadt bieten. Ruhigere, reizärmere Bereiche erlauben es Menschen, zu sitzen, zu beobachten, sich zu erholen oder zurückzuziehen, ohne vollständig vom sozialen Umfeld getrennt zu sein.2;4
- Zugehörigkeit in einem breiteren Sinne verstehen. Der Wert eines sozialen Raums bemisst sich nicht allein an der Zahl der Gespräche oder neu entstandenen Beziehungen. Sich willkommen zu fühlen, ohne Rechtfertigung verweilen zu können, allein unter anderen zu sein und mit der Zeit Vertrautheit mit einem Ort zu entwickeln, können ebenfalls wichtige Dimensionen sozialer Verbundenheit sein.2;4
Daraus ergeben sich auch wichtige Schlussfolgerungen für die Gestaltung solcher Orte.
„FLUX war nie einfach als Kunstobjekt gedacht, das man betrachtet. Es sollte ein Ort sein, den man belebt, nutzt und sich zu eigen macht. Das Schönste ist zu sehen, wie Menschen den Raum für sich entdecken, ihn sich aneignen und ihm ein ganz eigenes Leben geben“, sagt Morag Myerscough, Künstlerin und Designerin von FLUX.
Ein Ort zwischen Museum und Stadt
Die Evaluation berücksichtigt auch die besondere Lage von FLUX an der Pinakothek der Moderne. Für die Teilnehmenden bietet FLUX einen Ort zum Ankommen, Verweilen oder Treffen vor und nach einem Museumsbesuch. Zugleich macht FLUX eine informellere und zugänglichere Seite der Kulturinstitution sichtbar. Die Forschenden beschreiben FLUX als möglichen „Brückenraum zwischen Kulturinstitution und öffentlichem Alltagsleben“.2
„FLUX schafft eine Verbindung zwischen der Pinakothek der Moderne, der Stadt und der Gesellschaft. Als offener, fröhlicher Ort zwischen Museum und öffentlichem Leben trägt FLUX dazu bei, das Museum noch zugänglicher, breiter nutzbar und relevanter zu machen“, sagt Markus Michalke, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Pinakothek der Moderne.
Gleichzeitig zeigt die Evaluation Potenzial, die Verbindung zwischen FLUX und Museum noch sichtbarer zu machen, ohne dabei die Offenheit und Informalität zu verlieren, die die Teilnehmenden besonders schätzen.2
Initiative Zusammen.Halt und Mars Snacking Foundation: Orte für Verbundenheit und Gemeinschaft stärken
Die Mars-Studie zu Verbundenheit und Zugehörigkeit ist Teil der gesellschaftlichen Initiative Zusammen.Halt, mit der Mars in Deutschland durch die Unterstützung von Orten, die soziale Verbindung und Gemeinschaft ermöglichen, zu einem lebendigen und zukunftsfähigen München beitragen möchte.
Zusammen.Halt bringt Partner*innen aus Forschung, Design, Kultur und Zivilgesellschaft zusammen und untersucht, welche Rolle soziale Infrastruktur dabei spielen kann, Möglichkeiten für Begegnung, Teilhabe und Zugehörigkeit zu schaffen.
Neben FLUX an der Pinakothek der Moderne unterstützt die Initiative auch den neuen Über den Tellerrand Kitchen Hub in München-Sendling. Beide lokalen Projekte wurden kürzlich von der Mars Snacking Foundation gefördert.
„Mit der Förderung einladender Gemeinschaftsorte in Deutschland und weltweit wollen wir inklusive Umgebungen schaffen, die die Lebensqualität verbessern, Beziehungen stärken und ein echtes Gefühl von Zugehörigkeit fördern“, erklärt Anne Vela-Wagner, Executive Director der Mars Snacking Foundation. „Projekte wie FLUX sind beispielhaft dafür, wie moderne soziale Infrastruktur stärkere und widerstandsfähigere Gemeinschaften unterstützen kann. Diese Forschung unterstreicht den großen Wert von Orten, die Menschen die Möglichkeit geben, sich zu begegnen, teilzunehmen oder einfach in Ruhe Zeit unter anderen zu verbringen – und damit zu stärkeren, besser vernetzten Gemeinschaften beizutragen.“
Dieser Ansatz verbindet Forschung und Praxis: Wissenschaftliche Erkenntnisse helfen, gesellschaftliche Bedürfnisse besser zu verstehen; Förderung kann Orte für Verbindungen ermöglichen; und Evaluationen liefern neue Einsichten darüber, wie Menschen diese Orte tatsächlich erleben.
Letztlich legen die Ergebnisse von FLUX nahe, dass nicht alle Menschen zur gleichen Zeit dasselbe von einem sozialen Ort brauchen. Manchmal bedeutet Verbundenheit Gespräch, Teilnahme und gemeinsame Aktivität. Ein anderes Mal genügt es, einen Ort zu haben, an den man gehen kann, unter anderen Menschen zu sein und sich dort zugehörig zu fühlen.
Hinweise zur Forschung und Quellen:
1. Wissenschaftliche Evidenz zu Maßnahmen gegen Einsamkeit.
Zum weiteren Forschungskontext zählen aktuelle Metaanalysen zu Interventionen gegen Einsamkeit. Eine Metaanalyse von Lasgaard et al. aus dem Jahr 2024, die 280 Studien über verschiedene Altersgruppen hinweg berücksichtigte, zeigte insgesamt kleine bis moderate Effekte, wobei psychologische Interventionen die stärksten Effekte aufwiesen.
2. Mars Study on Connection & Belonging / FLUX Evaluation, University of Manchester, 2026.
Die Mars-Studie zu Verbundenheit und Zugehörigkeit ist eine qualitative Untersuchung von FLUX, durchgeführt von einem Forschungsteam der University of Manchester unter Leitung von Professor Pamela Qualter. Ziel war es zu verstehen, wie Menschen FLUX erleben und wie Eigenschaften des Ortes soziale Begegnungen, Gemeinschaft und Zugehörigkeit fördern können. Das Team führte 22 Einzelinterviews und drei Fokusgruppen mit insgesamt 14 Teilnehmenden durch, die FLUX bereits besucht und erlebt hatten. Nutzungsdaten von FLUX wurden ergänzend als deskriptiver Kontext ausgewertet.
3. Global Loneliness Study / Business vs. Loneliness, 2023.
Die Global Loneliness Study wurde von Mars, Incorporated finanziert und von Economics of Mutuality gemeinsam mit der University of Manchester durchgeführt. Die Studie erfasste mehr als 50.000 quantitative und qualitative Antworten aus den USA, Mexiko, dem Vereinigten Königreich, Deutschland und China, um zentrale Einflussfaktoren von Einsamkeit und Muster in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu identifizieren.
4. Van den Berg & Schoenmakers (2026), Space for Loneliness: Design Guidelines for Loneliness-Friendly Environments.
Der Bericht führt die Forschung zu bebauter Umwelt und Einsamkeit. Er betont, dass Umgebungen, die Einsamkeit entgegenwirken können, unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen sollten, darunter soziale Nähe, Verbundenheit, Ablenkung und Erholung