Wrigley Prophylaxe Preis 2026
Zahnmedizinische Forschung und Prävention für Menschen mit Neuro-Sjögren, Pflegebedarf und Fluchterfahrung
Ausgezeichnet wurden zwei wissenschaftliche Studien sowie ein Praxisprojekt, die sich der Verbesserung der Mundgesundheit besonders vulnerabler Bevölkerungsgruppen widmen.
Zum 32. Mal wurde heute der Wrigley Prophylaxe Preis verliehen – zweimal in der Kategorie „Wissenschaft“, einmal in der Kategorie „Praxis & Gesellschaft“.
Den ersten Platz in der Kategorie „Wissenschaft“ belegten Prof. Dr. Ingmar Staufenbiel und Prof. Dr. Anne-Katrin Lührs mit ihrer interdisziplinären Arbeitsgruppe von der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie untersuchten erstmals systematisch die dentale und parodontale Gesundheit von Patienten mit Neuro-Sjögren-Syndrom. Im Bereich „Praxis & Gesellschaft“ überzeugten Dr. Elmar Ludwig und Prof. Dr. Dr. Greta Barbe mit der Online-Plattform von „mund-pflege e.V.“, Ulm, zur Förderung der Mundgesundheit in der Pflege. Beide Erstplatzierten wurden mit jeweils 4.500 Euro ausgezeichnet. Der zweite Preis in der Kategorie „Wissenschaft“ (prämiert mit 3.000 Euro) ging an Jun.-Prof. Dr. Anna-Lena Hillebrecht und ihr Team vom Universitätsklinikum Freiburg. Sie evaluierten ein mehrsprachiges Lernvideo zur Mundhygiene für Menschen in Flüchtlingsunterkünften hinsichtlich Wirksamkeit und Praxistauglichkeit.
Der Wrigley Prophylaxe Preis ist eine Institution in der Zahnmedizin und zeichnet seit 1994 herausragende Projekte in Forschung und Praxis der Kariesprävention aus. Stifterin ist das „Wrigley Oral Health Program“ (WOHP), die sich für eine Verbesserung der Zahn- und Mundgesundheit in allen Bevölkerungsgruppen einsetzt. Grundlage dieses Engagements ist die wissenschaftlich belegte Erkenntnis, dass das Kauen von zuckerfreiem Kaugummi den Speichelfluss stimuliert und damit zur Kariesprävention beiträgt. Neben gründlichem Zähneputzen und einer zahngesunden Ernährung gehört das Kauen zuckerfreien Kaugummis deshalb zu den drei zentralen Empfehlungen der aktuellen S3-Leitlinie zur Kariesprävention (register.awmf.org/de/leitlinien/detail/083-021). Traditionsgemäß wird der Preis auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) verliehen, die in diesem Jahr in Heidelberg stattfindet.
Wrigley Prophylaxe Preis 2026, 1. Platz Wissenschaft (4.500 Euro): Neuro-Sjögren birgt erhöhtes Risiko für parodontale Erkrankungen
Das primäre Sjögren-Syndrom ist eine Autoimmunerkrankung, die vor allem Speichel- und Tränendrüsen betrifft. Typische Folgen sind Mundtrockenheit, trockene Augen und Nasenschleimhäute sowie häufig Gelenk- und Muskelschmerzen und ausgeprägte Erschöpfung. Bei der seltenen Unterform Neuro-Sjögren kommen neurologische Symptome hinzu, die unter anderem Bewegungseinschränkungen und Sensibilitätsstörungen verursachen können.
In ihrer interdisziplinären Studie untersuchte Prof. Dr. Ingmar Staufenbiel von der Medizinischen Hochschule Hannover zusammen mit Erik Neumeyer, Patricia Zisting, Prof. Dr. Thomas Skripuletz, Dr. Tabea Seeliger, Prof. Dr. Diana Ernst, Prof. Dr. Torsten Witte, Prof. Dr. Kirstin Vach und Prof. Dr. Anne-Katrin Lührs erstmals gezielt die Mundgesundheit dieser Patientengruppe. Insgesamt wurden kariologische und parodontale Befunde von 50 Pati-enten mit primärem Sjögren-Syndrom und 50 Patienten mit Neuro-Sjögren erhoben und mit einer altersentsprechenden Kontrollgruppe aus den deutschen Mundgesundheitsstudien (DMS) V und VI verglichen. Während sich bei den kariologischen Parametern keine signifikanten Unterschiede zeigten, wiesen Menschen mit Neuro-Sjögren schlechtere parodontale Verhältnisse auf. Sowohl die mittleren als auch die maximalen Sondierungstiefen lagen signifikant höher als bei Patientinnen und Patienten mit primärem Sjögren-Syndrom. Zudem fanden sich deutlich mehr Stellen ohne vollständigen parodontalen Taschenverschluss ("pocket closure").
Die Ergebnisse sprechen für einen erhöhten präventiven Betreuungsbedarf dieser Patientengruppe. Empfohlen werden engmaschige parodontale Kontrollen, individuell angepasste Präventionskonzepte sowie Unterstützungsangebote bei motorischen Einschränkungen. Bemerkenswert ist zudem, dass sich in dieser Studie – anders als in früheren Kohortenstudien und aktuellen Metaanalysen – keine eindeutig erhöhte Kariesprävalenz bei Sjögren-Patientinnen und -Patienten nachweisen ließ. Möglicherweise nahmen überwiegend Personen teil, die bereits ein hohes Bewusstsein für ihre Mundgesundheit entwickelt hatten und entsprechend intensiv vorsorgten.
Wrigley Prophylaxe Preis 2026, 2. Platz Wissenschaft (3.000 Euro): Per Kurzvideo zum Präventionserfolg für Geflüchtete
Geflüchtete Menschen haben häufig nur eingeschränkten Zugang zu präventiver zahnmedizinischer Versorgung und verständlichen Gesundheitsinformationen. Sprachliche Hürden, wechselnde Aufenthaltsbedingungen und begrenzte niedrigschwellige Präventionsangebote erschweren eine wirksame Mundpflege. Das vierminütige Lernvideo „GlobeSmile“ zur täglichen Mundhygiene – von den Ursachen oraler Erkrankungen über Fluoridanwendung bis hin zu Putztechnik und -frequenz – soll in Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete Abhilfe schaffen. Ob es dies leisten kann, evaluierten Jun.-Prof. Dr. Anna-Lena Hillebrecht vom Uniklinikum Freiburg und ihr Team mit Dr. Maxi Müller, Fabian Schulz, George Jogho, Dr. Simone Steffens, Prof. Dr. Kirstin Vach, Dr. Amro Baradee, Prof. Dr. Daniel Reißmann und Prof. Dr. Benedikt Spies.
In einer randomisierten kontrollierten Studie mit 86 Erwachsenen in Ge-meinschaftsunterkünften zeigte sich, dass die Teilnehmenden der Interventionsgruppe ihren Plaque-Index signifikant stärker verbesserten als die Kontrollgruppe. Darüber hinaus nahm die Putzfrequenz zu. Bei weiteren untersuchten Wissens- und Einstellungsparametern zeigten sich überwiegend geringe Veränderungen. Rund drei Viertel der Teilnehmenden nutzten das Video mehrfach. Wiederholtes Ansehen war mit einer zusätzlichen Verbes-serung der Mundhygiene verbunden.
Die Autorinnen und Autoren sehen in GlobeSmile ein niedrigschwelliges, kostengünstiges und flexibel einsetzbares Präventionsinstrument, das Informationsbarrieren abbauen und langfristig zur Vermeidung kostenintensiver Folgebehandlungen beitragen kann. Das Konzept wurde inzwischen in weitere Sprachen übersetzt und wird bereits unter anderem in Schulen in Nepal sowie in Flüchtlingsunterkünften in Griechenland eingesetzt.
Wrigley Prophylaxe Preis 2026, Praxis & Gesellschaft (4.500 Euro): Mundgesundheitsförderung in der Pflege: eine Online-Plattform für alle!
Menschen mit Pflegebedarf weisen häufig eine deutlich schlechtere Mundgesundheit auf als die Allgemeinbevölkerung. Die Folgen reichen von Schmerzen, Mundgeruch und eingeschränkter Kaufunktion bis hin zu Mangelernährung, sozialem Rückzug und einer erhöhten Anfälligkeit für Allgemeinerkrankungen wie Diabetes, Rheuma, Pneumonien oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Dr. Elmar Ludwig und Prof. Dr. Dr. Greta Barbe bilden zusammen mit den Pflegeexpertinnen Prof. Dr. Annett Horn und M.A. Ramona Waterkotte den Vorstand des gemeinnützigen Vereins mund-pflege e.V., der hinter „mund-pflege.net“ steht. Ziel der Informations-, Beratungs- und Schulungsplattform ist es, die Zusammenarbeit zwischen Zahnmedizin und Pflege zu stärken und so die Mundgesundheit vulnerabler Bevölkerungsgruppen nachhaltig zu verbessern.
Die Plattform richtet sich an pflegende Angehörige, Pflegefachpersonen, Praxisteams sowie Lehrende. Sie bietet wissenschaftlich fundierte Informationen, Schritt-für-Schritt-Anleitungen zur Zahn-, Mund- und Prothesenpflege sowie Hilfestellungen für besondere Versorgungssituationen – etwa bei Immobilität, eingeschränkter Kooperationsfähigkeit oder therapiebedingten Nebenwirkungen.
Alleinstellungsmerkmal ist eine umfangreiche Mediathek mit Grafiken, klinischen Fotos, Videos und digital animierten Pflegeszenen. Materialien für die Aus-, Fort- und Weiterbildung – darunter Präsentationen, Handlungsanlässe, Lernzielkontrollen und Druckvorlagen – unterstützen den Wissenstransfer in die Praxis. Die Basisinformationen der Plattform stehen kostenfrei zur Verfügung. Erweiterte Funktionen für Aus-, Fort- und Weiterbildung können über eine Lizenz genutzt werden.
Die Jury 2026
In der unabhängigen Jury des Wrigley Prophylaxe Preises 2026 wirkten mit: Prof. Dr. Thomas Attin (Zürich), Dr. Steffi Beckmann (Bonn), Prof. Dr. Katrin Bekes (Wien), Prof. Dr. Rainer Haak (Leipzig), Prof. Dr. Hendrik Meyer-Lückel (Bern), Prof. Dr. Sebastian Paris (Berlin), Prof. Dr. Nadine Schlüter (Hannover) und Prof. Dr. Annette Wiegand (Göttingen).
Wrigley Prophylaxe Preis-Verleihung 2026
(von links:) Prof. Dr. Katrin Bekes (Jury, Wien), Prof. Dr. Hendrik Meyer-Lückel (Jury, Bern), Prof. Dr. Annette Wiegand (Jury, Göttingen), Prof. Dr. Sebastian Paris (Jury, Berlin), Prof. Dr. Rainer Haak (Jury, Leipzig), Prof. Dr. Nadine Schlüter (Jury, Hannover), Julian Michel und Dr. Elmar Ludwig (Gewinner „Praxis & Gesellschaft“, Ulm), Prof. Dr. Ingmar Staufenbiel und Prof. Dr. Anne-Katrin Lührs (1. Platz „Wissenschaft“, Hannover), Jun.-Prof. Dr. Anna-Lena Hillebrecht (2. Platz „Wissenschaft“, Freiburg), Prof. Dr. Kirstin Vach (Gewinnerin 1. und 2. Platz „Wissenschaft“), Prof. Dr. Thomas Attin (Jury, Zürich), Dr. Steffi Beckmann (Jury, Bonn), Janina Werner (Wrigley Oral Health Program, Unterhaching) Foto: Wrigley Oral Health Program (WOHP) / DGZ, Andreas Arnold